Der Igel



Allein Wissen hilft schützen!
von Otto Hahn


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Inhalt:


Einleitung
Verwandte und andere Stachelträger
Dichtung und Wahrheit
Bedeutung für den Menschen
Die Sinnesorgane
Die Stacheln
Der Zusammenrollmechanismus
Das Selbstbespeicheln
Lebensräume und Populationsdichte
Ernährung und Nahrungserwerb
Aktivität
Rangordnung
Natürliche Feinde
Fortpflanzung
Die Jungen
Nur einen Wurf im Jahr
Der Winterschlaf
Erwachen aus dem Winterschlaf
Krankheiten und Parasiten
Überlebensprobleme
Überwintern in menschlicher Obhut?
Überleben trotz Innenparasiten
Hilfe für Igel
Literatur- und Quellenverzeichnis

Leseprobe:


Überwintern in menschlicher Obhut?

Wenn man immer wieder hört und liest, wo und wie Igel von manchen „Tierfreunden“ untergebracht, wie und womit sie behandelt werden, sträuben sich einem die Haare und dem Igel die Stacheln!
Da werden Igel in engsten Räumen oder Behältern wie Schuhkartons, Körben, Holz- oder Obstkisten, Terrarien, Badewannen, Hasenställen, Wohnzimmerschränken oder gar zwischen Fenstern und Vorfenstern gefangen gehalten, mit Essensresten, Süßigkeiten und Milch völlig falsch ernährt oder müssen im eigenen Kot vegetieren.
Da werden Igel in die Hände von Kindern gegeben und regelrecht zu Tode „gepflegt“. Dazu nur ein trauriges Beispiel: Von 50 Igeln, die ein Sechzehnjähriger von einem Tierheim in Pflege übernommen hatte, waren schon zwei Wochen später 25 verendet. Der junge Mann hielt alle Tiere in einer Kiste auf engstem Raum.
Da gibt es „Tierfreunde“, die den Igel nach Hundeart an die Leine gewöhnen wollen, ihn als nicht stubenreines Wildtier in der Wohnung halten und auf Teppichböden herumspazieren lassen, ihn zähmen und daran gewöhnen, mit Hund und/oder Katze gemeinsam aus einer Schüssel zu fressen, ohne Rücksicht darauf, dass er seine natürliche Scheu vor Feinden verliert.
Da mästet man Igel bis an die Zweikilogrammgrenze, so dass sie träge und apathisch werden und eher an Mastschweine als an Igel erinnern. Claudia Bestajovsky schreibt dazu: „Der Bauchumfang wächst, und um den Rand der Stachelhaube, die lächerlich klein aussieht, quellen Speckwülste hervor (…). Die Pfoten werden immer kürzer, und das Zusammenrollen macht Schwierigkeiten. Manche Igel tragen ihre Fettmassen mit erstaunlicher Leichtfüßigkeit, andere watscheln schwerfällig daher. Und wenn sie einmal auf den Rücken fallen, können sie sich allein nicht mehr aufrichten.“ Poduschka hat in „Geliebtes Stacheltier“ seinen auf 1750 Gramm fast zum Platzen gemästeten Igel abgebildet und schreibt dazu: „Mit 1750 Gramm ist Weißchen für den Winterschlaf beruhigend ausgerüstet.“

Zahlreiche Igel verunglücken durch die Haltung in Wohnräumen. Sie werden in Türen eingeklemmt, fallen Treppen hinunter, verkriechen sich in Polstermöbeln oder unter Schränken und können sich häufig nicht mehr selbst befreien. Manche zwängen sich zwischen Wand und Heizkörper, wo sie meistens nicht mehr herauskommen und nur durch Demontage des Heizkörpers gerettet werden können. Andere verstecken sich unter kalten Öfen und ziehen sich Verbrennungen zu, wenn sie nicht entdeckt werden, ehe man den Ofen anheizt. Es sind auch Fälle bekannt, wonach Igel sich durch Katzenstreu verhängnisvolle Verätzungen der Schleimhäute zugezogen haben und dadurch verendet sind. Die Zunge schwillt dabei ballonartig an, und wenn nicht sofort entzündungshemmende Medikamente injiziert werden, erstickt das Tier (I. Hartfeil, Igel Gazette 5/85).
Die unvermeidliche Geräuschkulisse in Wohnräumen und der zwangsweise Kontakt mit Menschen und Haustieren versetzen die sehr geräuschempfindlichen und ängstlichen Pflegeigel in Dauerstress, selbst wenn sie zahm erscheinen.

Im Jahr 1971 rief Prof. Grzimek in einer Fernsehsendung dazu auf, Igel mit einem Gewicht von unter 700 Gramm im Haus zu überwintern, weil sie den Winterschlaf im Freien nicht überleben könnten. Dieser Aufruf löste eine Lawine an Hilfsbereitschaft aus.
Seitdem fühlen sich im Herbst, wenn die ersten Blätter fallen, zahlreiche „Tierfreunde“ zur Rettung von Igeln berufen. Unqualifizierte Presseberichte über den Igel, die häufig von Journalisten geschrieben werden, die selbst von der Materie keine Ahnung haben, animieren die Bevölkerung alljährlich erneut zum Einsammeln von Igeln.
Sicherlich haben solche Berichteschreiber keine Ahnung, wie viele Igel durch die Veröffentlichung solch` unsinniger Ratschläge sterben müssen. Sogar in Schulbüchern werden Kinder und Jugendliche dazu angehalten, Igel im Herbst ins Haus zu nehmen, so zum Beispiel in einem Biologiebuch für Hauptschulen (1984), in dem es heißt: „15. Oktober. Der frühere Frankfurter Zoodirektor Grzimek hat zum tätigen Schutz des durch den Straßenverkehr bedrohten Igels aufgerufen. Wer Igel mit weniger als 600 Gramm Gewicht findet, soll sie ins Haus nehmen und durch den Winter bringen. Solche Igel stammen aus dem zweiten Wurf des Jahres, konnten kaum Fett speichern und sterben fast alle während der Überwinterung. Obwohl Igel geschützt sind, darf man sich einzelne Igel zum Überwintern fangen, muss sie aber im Frühjahr bis Ende Februar wieder aussetzen.“
Diese unsinnige Aufforderung zum Igelfangen hat dem Igel sehr geschadet, denn sie enthält gravierende Fehler. Die Jungen nehmen täglich durchschnittlich sechs Gramm zu. Geht man davon aus, dass ein Jungigel am 15.Oktober etwa 400 Gramm wiegt, hätte er am 1. November bereits ein Gewicht von rund 500 Gramm. Damit kann ein gesunder Igel den Winterschlaf im Freien gut überstehen (siehe Der Winterschlaf). Es ist völlig normal, dass die Jungen zwischen Ende Juli und Anfang September geboren werden, und es gibt keinen zweiten Wurf.
Außerdem ist es großer Unsinn, Igel schon Ende Februar wieder auszusetzen, denn sie hätten keine Überlebenschance.
Wovon soll sich ein Igel ernähren, wenn zu dieser Zeit meist noch tiefster Winter herrscht?
Sie erwachen bei uns zwischen Mitte März und Mitte April aus dem Winterschlaf, in einem extrem warmen Frühling schon ab Mitte März.
Wer einen Pflegeigel überwintert, sollte ihn frühestens Anfang Mai, am besten erst nach den Eisheiligen freilassen.
Auch in dem Kinderbuch „Wir tun was für die Igel“ (Esser/Neumeier, 1986) werden Kinder dazu animiert, Igel ins Haus zu nehmen. Es erstaunt, dass Esser bei diesem Buch als Mitautor erscheint, obwohl er im Oktober 1985 in „Das TIER“ forderte: „Hände weg von den Stacheltieren!“ Esser schreibt in „Das TIER“ u. a.: „Ich habe starke Bedenken gegen die Überwinterungsaktion der Igel, die bei uns an einigen Orten ungeahnte Ausmaße angenommen hat (…) Mehrere der einzelgängerischen und in der Nacht viel laufenden Igel aus Platzmangel in eine kleine Kiste zusammenzusperren grenzt für mich schon sehr an Tierquälerei.“

Ich frage mich, ob es zu verantworten ist, den Igel, ein geschütztes Wildtier, zur Pflege in Kinderhände zu geben?
Trotz aller guten Vorsätze sind die meisten Kinder auf Dauer keine verlässlichen Tierpfleger, und die anfängliche Begeisterung lässt schnell wieder nach.
Wie können Kinder die artgerechte Haltung und Pflege von Igeln bewältigen, wenn selbst Tausende Erwachsener dies nicht geschafft haben, wie die Vergangenheit leider immer wieder gezeigt hat.
Es ist deshalb zu befürchten, dass – trotz der guten Absicht der Autoren – mit diesem Büchlein dem Igel mehr Schaden als Nutzen zugefügt wird.

Die Hinweise, Igel in Lichtschächten oder auf ungeheizten Dachböden winterschlafen zu lassen (und sie auch noch alle 14 Tage zu wiegen), sind sehr gefährlich. All zu leicht vergisst ein Kind, den Igel nach dem Erwachen aus dem Winterschlaf rechtzeitig vom Dachboden zu holen oder aus dem Lichtschacht zu befreien, so dass er dort verhungern muss.

Jedes Jahr wird eine erneute Sammellawine ausgelöst, und das oft schon im August, wenn die meisten Jungen gerade erst zur Welt kommen.
Igeleinsammeln ist für manche Kinder, Schulklassen oder Erwachsene zum Hobby geworden.
Gedankenlos werden Jungigel aufgenommen, von der Mutter getrennt oder Igelmütter allein eingesammelt, so dass die Kleinen im Nest elend verhungern müssen. Ohne die nötigen Sachkenntnisse versucht man zunächst, sie zu Hause zu „pflegen“.
Wenn die Betreuer keine Lust mehr haben oder merken, dass es mit den Pfleglingen abwärts geht, bringen sie die Tiere in oft hoffnungslosem Zustand ins Tierheim oder in eine Pflegestation und freuen sich auch noch, einen Beitrag zum Naturschutz geleistet zu haben.
Wenn die Jungen ab und zu das Nest verlassen und auch bei Tag – während die Mutter schläft – herauskommen, bricht für viele eine Igelwelt zusammen. Als vermeintliche Waisenkinder werden sie in wohlgemeinter Absicht mitgenommen und so von der Mutter getrennt. Durch falsche Ernährung, unsachgemäße Haltung und mangelhafte Pflege verendet ein Großteil der Jungen oft schon nach kurzer Zeit. Schätzungen zufolge überlebt nur die Hälfte das Frühjahr, und von den Übrigen muss höchstwahrscheinlich in den Wochen und Monaten nach der Freilassung eine weitere Hälfte sterben.

Dass es gar nicht so einfach ist, im Herbst aufgenommene Igel über den Winter zu bringen, zeigt das unfreiwillige Experiment des Tierschutzvereins Starnberg.
Im Jahr 1977 hatte man Igel einfach aufgenommen und in einer mit Stroh gefüllten Holzbude untergebracht. Obwohl die Tiere mit Futter und Wasser versorgt waren, starben 73,5 Prozent. Die überlebenden 26,5 Prozent waren in schlechtem Zustand und wurden ohne Behandlung freigelassen. Kramm: „Davon dürften auch die meisten eingegangen sein.“ Nach diesem Misserfolg bat man Dr. Kramm um seine Mitarbeit. Seither liegt die Verlustrate – trotz Wurmbehandlung der Igel – durchschnittlich bei zehn bis fünfzehn Prozent. Im Winter 1984/85 starben 18 Prozent.
Dieses Beispiel zeigt deutlich, dass Igel in menschlicher Obhut nur eine geringe Überlebenschance haben, wenn sie nicht fachmännisch betreut werden. An dieser Stelle erhebt sich bereits die Frage, ob es weiterhin vertretbar ist, dass im Herbst jeder Laie einen Igel „in Pflege“ nehmen und der Natur ins Handwerk pfuschen kann und darf? Ich glaube, man muss kein Prophet sein, um vorhersagen zu können, dass der Igel schon in einigen Jahren in manchen Gebieten ausgerottet sein wird, wenn das von Laien praktizierte „Todpflegen“ nicht endlich gestoppt wird. Der Igel wird ohnehin durch den Straßenverkehr und sonstige Umweltgefahren so stark dezimiert, dass er die hohen Verlustraten durch entsprechende Nachwuchszahlen eventuell gerade noch ausgleichen kann.
Die Verluste, die dem Igel aus falsch verstandener Tierliebe in den vergangenen Jahren von Laien zugefügt wurden, sind derart gravierend, dass sie in manchen Gebieten zahlenmäßig die Straßenverkehrsopfer weit übersteigen dürften.
Mit einem „Gummiparagraphen“ kann keine Tierart geschützt werden, auch nicht der Igel. Was nützt es, wenn er zwar auf dem Papier zu den „besonders geschützten Tierarten“ gehört, die „ganzjährig geschützt“ sind und „weder gehandelt noch in Gefangenschaft gehalten werden dürfen“, wenn ihn während der kalten Jahreszeit jeder Laie aufnehmen, pflegen und medizinisch behandeln darf, falls er krank oder untergewichtig ist?
Wie soll der medizinische Laie wissen, ob ein Igel untergewichtig oder gar krank ist?
Wie man aus Kotuntersuchungen weiß, hat fast jeder Igel Lungen- und/oder Darmwürmer, trotzdem kann er damit in der freien Natur leben, und das seit vielen Millionen Jahren.
Jeder Nichtfachmann, der nun den Winter über einen Igel in Pflege nimmt, ohne Rücksicht auf dessen Gewicht, handelt nach dem Gesetz legal, weil der Igel Innenparasiten hat und folglich als „krank“ bezeichnet werden kann. Der Igel wird in Zukunft nur eine Überlebenschance haben, wenn durch eine rasche Gesetzesregelung verhindert wird, dass er von jedermann den Winter über aufgenommen werden darf.

Bevor ein Igel gegen Innenparasiten behandelt werden kann, muss zunächst anhand von Kotproben durch Parasitologen, Tierärzte oder von dafür geschulten Leuten festgestellt werden, um welche Parasiten es sich handelt. Auch während der Behandlung müssen zur Kontrolle weitere Kotuntersuchungen vorgenommen werden. Viele, die einen Igel in Pflege haben, können diese Untersuchungen und die erforderliche Behandlung nicht durchführen und haben häufig auch keine Möglichkeit, eine solche vornehmen zu lassen.
Deshalb gehören kranke und pflegebedürftige Igel nur in die Hände von Fachleuten, sonst sind sie schon bei der Hereinnahme zum Tod verurteilt.


Überleben trotz Innenparasiten

Während des Winterschlafs ist die Körpertemperatur des Igels so weit herabgesetzt, dass die Vermehrung der Innenparasiten – die auf die normale Körpertemperatur des Igels angewiesen sind – gestoppt wird oder die Parasiten gar absterben.
Werden Pflegeigel in warmen Räumen gehalten, wo sie nicht winterschlafen können, sinkt ihre Körpertemperatur nicht ab und ihre Innenparasiten bleiben aktiv oder vermehren sich sogar.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch die Nahrungsumstellung.
Viele Stoffe, die in der natürlichen Nahrung des Igels enthalten sind, fehlen, so zum Beispiel das Chitin, das er überwiegend durch Insektennahrung aufnimmt. Chitin, ein Glykosid, das aus Aminozuckern und Essigsäure aufgebaut ist, zerfällt durch die Einwirkung von Magensäure und Enzymen in Traubenzucker und verschiedene Giftstoffe, darunter auch Blausäure.
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