Verschmähte Träume

Verschmähte Träume Promo Clip

Buchvorstellung

Leseprobe:


Inhalt:

6 - Linsensuppe
15 - Vom schönen Teller isst man nicht
20 - Drei Buchstaben und eine Zahl – Sex
22 - Jochen kommt zurück
27 - Ein Urlaub in Douz
35 - Gewissensgericht
40 - Flora
42 - Busenfreundin
47 - Seelenmann
53 - Liebestarot
60 - Zufallstreffen
67 - Das Treue-Gelübde
75 - Hormone
78 - Wünsch dir was
80 - Der Sympathietest
83 - Wunscherfüllung
85 - Der Rückschlag
87 - Und noch ein Gericht
92 - Der neue Doppelpunkt
95 - Unordentliche Frauen sind gute Liebhaberinnen
99 - African Heartbeat goes easy
105 - Der Dessousabend
109 - Verschmähte Träume



Linsensuppe

Sabine hat die Gewohnheit aus ihrer Kindheit gern übernommen: Jeden Samstag wird in ihrer Familie Eintopf gegessen. Einfach Dose öffnen, Sahne dazu, fertig.
Einmal in der Woche erlaubt sie sich dieses Fastfood. Damit erleichtert sie sich die Arbeit. Ein schönes Ritual, wie sie findet. Weil diese Suppe sicher weniger Nährstoffe hat, als die von ihrer Mutter im Schnellkochtopf produzierte, beruhigt sie ihr schlechtes Gewissen und kocht den Rest der Woche pädagogisch, ökologisch wertvoll.
Da gibt es Hokkaido-Cremesuppe, selbstgemachtes Rotkraut mit Äpfeln und einem Teelöffel Johannisbeergelee darin, die Eier von glücklichen Hühnern und die Biogemüsekiste vom Bauern der Region. Das stellt sie schon mal vor große Herausforderungen. Sabine wusste schon was Pastinaken und Steckrüben sind, bevor sie die Regale der Supermärkte erobert
hatten. Sie weiß sogar, wie man aus Fenchel einen Beilagensalat zaubern kann. Essen ist für ‚Bine‘, wie sie ihr Mann liebevoll nennt, eine wichtige Angelegenheit. Im Allgemeinen isst sie viel und schnell.
Nur samstags gönnt sie sich eine Auszeit am Herd.
Weil sie die Abwechslung liebt, probiert Sabine jede Woche andere Suppen einer bestimmten Marke aus. Nun ist eben diese bevorzugte Suppenlinie bei einer großen Einkaufskette im Angebot und ihr Ehemann, der sehr gern die Angebote studiert, geht sogleich für den nötigen Vorrat sorgen.
Sechs Dosen bringt er mit. Sechs Dosen Linsensuppe mit einem Hauch Essig. So wie es die Westfalen bevorzugen. Sabine schaudert es bei dem Gedanken, sechs Wochen hintereinander ein und dieselbe Suppe essen zu müssen. Erstaunt sieht sie ihren sonst eher Süßes liebenden Gatten an:
„Linsensuppe auf Westfälische Art? Hast du gelesen, das ist die mit dem
Essig darin?‟
„Ja klar, habe ich das gelesen, die esse ich gerne!‟, antwortet der.
„Auch sechs Samstage hintereinander?‟, fragt sie ungläubig nach.
„Die könnte ich immer essen‟, gibt er daraufhin zurück.
Sabine, die stets glaubte, ihren Mann mit all seinen Vorlieben zu kennen, stellt plötzlich fest, dass ihr diese Neigung bisher unbekannt war. Ihr bleibt der Mund offen stehen. Würde sie doch ihr gesamtes Hab und Gut verwettet haben, dass er die Variante mit Würstchen lieber mag. Das ist die Sorte Linsensuppe, der sie den Vorzug gibt, und zwar ohne Essig! Alle fünf Wochen einmal reicht aber.
Nach zehn Jahren Ehe nun das. Und es soll noch viel schlimmer kommen:
„Au fein, Linsensuppe“, erklingt es im Doppel, als auch der Nachwuchs auf die Dosen blickt.
„Sagt bloß, euch ist es auch egal, wenn jetzt jeden Samstag die gleiche Suppe auf dem Tisch steht?“, fragt Sabine nun fast empört.
„Suppe ist Suppe“, antwortet ihr schon mal sehr direkt der Sohn und seine Schwester lacht dazu.
Mit einem triumphierenden Blick sieht ihr Mann sie an.
„Wir können ruhig mal essen, wie alle anderen in meiner Klasse auch“, setzt ihr Sohn noch einen drauf.
„Was heißt das denn?“, hinterfragt Sabine verärgert diese Ansage.
„Na, zum Beispiel mal wieder Pommes statt diesem Öko-Gemüse. Einfach mal, was halt ungesund ist, und schmeckt“, sieht der Junge trotzig seine Mutter an. Sein Mund schmollt. Bines Familienangehörige stehen wie eine Mauer vor ihr und scheinen sich einig.
„Ihr probt gerade die Revolution“, meint Sabine und sieht sich wie Don Quijote gegen die Windmühle reiten. Sie muss schnell einsehen: Es hat keinen Zweck, dagegen zu reden.
„Na gut, wenn ihr meint“, lenkt sie ein, „heute gibt es Spaghetti.“ -
„Juchuh“, jubelt es um die Mutter herum.
„Ihr sollt sehen, was ihr davon habt‟, denkt sie, „meine Bemühungen, eine abwechslungsreiche Nahrung auf den Tisch zu bringen, werden gerade in keinster Weise anerkannt.‟ Es kocht die leise Wut in der Hausfrau. Sie sieht es als ihre Aufgabe an, sich um eine ausgewogene Ernährung zu kümmern, und mit einem Einkauf glaubt ihr Angetrauter, nun alles bestimmen zu können. Wenn also das Essen in dieser Familie nun zu einer unwichtigen Nebensache verkommen ist, dann will sie den Essensplan gewaltig ändern. Ein Essensplan, den gab es bereits bei ihren Eltern zuhause, er war Pflicht. Da wurde an hohen Feiertagen schon Wochen im voraus geplant, wann, was und in welcher Form gegessen werden sollte.



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