Auf abfallender Strecke


Rechtsanwalt Dr. Malte Nieschalk, LL.M. (Wellington), Berlin

Rezension in "Neue Justiz (NJ) 1/2018, Seite 44":

Justus Schwer:

Rezension Detlef Sasse, Auf abfallender Strecke - Der Weg des Nikolas Hauptstein

Ein lesenswertes Buch, das uns ältere in unsere Kindheit und Jugend mitnimmt. Detlef Sasse hat in seinem Roman einerseits das Zeitkolorit treffend eingefangen und versteht es andererseits auf sehr einfühlsame Weise, die erste Liebe seiner Protagonisten Niko und Inga in zarten, pastellfarbenen Bildern zu schildern. Mit einfachen Mitteln erreicht es der Autor, größere Spannungsbögen zu erzeugen und mit der Lektüre zu fesseln, indem Schauplätze zwar nicht abrupt, aber geplant verlassen werden um sie einige Kapitel oder nur Seiten später wieder aufzusuchen. Weil aber Leserinnen und Leser wissen wollen, wie die Geschichte weitergegangen ist und Gegenwart und Vergangenheit miteinander zusammenhängen und ineinander verwoben sind, fesselt sein Buch. Man nimmt dem Autor seine Geschichte ab zumal er der Generation angehört, deren Vertreter als FU- und TU-Studenten Berlins der frühen 60’er Jahre ihren Kommilitonen im Osten die Fluchtmöglichkeiten in den Westen z.T. unter unendlichen Mühen gegraben und dabei Leben und Gesundheit riskiert haben. Von Seiten der DDR-Propaganda wurden sie dafür als „Menschenhändler und Schleuser“ auf das übelste diffamiert und auf dieselbe moralische Stufe wie Sklavenhändler gestellt. Dass die Dinge doch ganz anders lagen, wie beispielsweise in den sehr aufschlussreichen Führungen der „Berliner Unterwelten e.V.“ zu erfahren ist, dazu hilft auch dieses Buch, allerdings auf eine sehr unterhaltsame, keineswegs belehrende Weise. Auch 26 Jahre nach dem Mauerfall ist es wichtig, das Bewusstsein an ein sehr trübes, wenn nicht dunkles Kapitel deutscher Geschichte in Geschichten wach zu halten; ein wirksames Mittel gegen die immer noch verbreitete Ostalgie, die sich in Formulierungen wie: „Es war nicht alles schlecht in der DDR!“ flüchtet. Natürlich war nicht alles schlecht. Aber das war es nicht, weil die DDR, sondern weil die Menschen, die in ihr zu leben genötigt waren nicht schlechter waren als anderswo. Wer diese Ansicht im politischen Resümé vertritt, hilft nachträglich die vorsätzlich begangenen grundlegenden Menschenrechtsverletzungen im Namen eines ideologisch schöngefärbten Fortschritts immer noch unter den Teppich zu kehren. Es genügt ein Fahrradausflug um Spandau herum auf dem ehemaligen Mauerstreifen, um alle 200 m an ein sinnlos erschossenes Maueropfer erinnert zu werden. Wir können uns glücklich schätzen, diese Zeit mit dem Herbst 89 hinter uns gebracht zu haben.

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